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Manifest der Sektion Sexarbeit

Veröffentlicht am 05.09.2022 Kategorie:
Wir, die Sexarbeitenden innerhalb der FAU Berlin, haben ein Manifest ausgearbeitet.

1. Eine kurze Geschichte der Sektion der Sexarbeitenden

Die Sektion der Sexarbeitenden(SW-S) der FAU Berlin (Freie Arbeiter*innen Union) ist eine gewerkschaftliche Organisation von und für Sexarbeiter*innen. Sie ist eine selbstorganisierte Sektion für alle Sexarbeiter*innen in Berlin, egal ob registriert oder illegalisiert, egal welchen Geschlechts oder welcher Herkunft und egal an welchem Arbeitsplatz oder in welchen Formen der erotischen Arbeit gearbeitet wird. Wir sind eine autonome Sektion innerhalb der FAU Berlin, einer unabhängigen Basisgewerkschaft.

Im Mai 2021 gründeten Sexarbeiter*Innen die "Arbeitsgruppe Sex Work" (AG-SW) in der FAU Berlin mit dem Ziel, eine gewerkschaftliche Basis und eine Sektion für Sexarbeiter*Innen zu schaffen. Dank rasant steigender Mitgliederzahlen und viel Motivation und Engagement der Beteiligten sowie der Unterstützung der FAU Berlin konnte dieses Ziel im Oktober 2021 mit der Gründung der Sektion Sexarbeit / Sex Worker Section (SW-S) erreicht werden.

 

2. Die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisierung von Sexarbeitenden

Die konkrete Idee, sich als Berliner Sexarbeiter*innen gewerkschaftlich zu organisieren, wurde während der Covid19-Pandemie geboren. Während Sexarbeiter*Innen schon immer die Ressourcen und den Schutz brauchten, den eine Gewerkschaft bieten kann, zeigte die Pandemie, wie prekär wir auf so vielen Ebenen sind: 

i) Rechtlich

Die Gegner unseres Berufsstandes sind in ihren Forderungen nach der Illegalisierung der Sexarbeit in Deutschland (Forderung nach Kriminalisierung, z.B. nach dem nordischen Modell) immer deutlicher geworden. Die Mehrheit der Sexarbeiter*Innen in Deutschland leidet bereits unter der derzeitigen unzureichenden Rechtsstruktur (Legalisierung), die nur wenigen Privilegierten geringe Arbeitsrechte gewährt, andere kriminalisiert und den Rest illegalisiert.

ii) Wirtschaftlich

Während der Pandemie war Sexarbeit aufgrund von Hygienevorschriften monatelang kriminalisiert. Aufgrund unseres halblegalen Status wurde vielen von uns der Zugang zu sozialer Unterstützung verwehrt, was viele von uns in die Arbeitslosigkeit und finanzielle Verzweiflung trieb. Obwohl wir die Sexarbeit nutzen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen und uns und unsere Familie zu versorgen, ist unsere Arbeit anfällig für Ausbeutung, weil wir keine Rechte haben und uns nicht mit anderen Arbeiter*innen organisieren können.

iii) Gesellschaftlich

Die Darstellung von Sexarbeiter*innen als "Super Spreader" war in den Nachrichten sehr präsent und hat unsere ohnehin schon schwere Last der Stigmatisierung und Ausgrenzung noch verstärkt. Die meisten von uns müssen ein Doppelleben führen, um Belästigungen zu vermeiden, was uns gesellschaftlich isoliert und es schwierig macht, die Gemeinschaften zu finden, die wir brauchen.

iv) Politisch

Sexarbeiter*Innen haben keine eigene Vertretung in öffentlichen und staatlichen Entscheidungsprozessen und werden im öffentlichen Diskurs oft falsch dargestellt. Politische Entscheidungen werden über uns getroffen, ohne die Beschäftigten der Branche zu konsultieren, und wir werden bei politischen Entscheidungsprozessen, die uns direkt betreffen, nicht berücksichtigt.

v) Mental

Die oben genannten Probleme isolieren uns weiter, erhöhen den Stresspegel und die Unsicherheit, was zu einer stetigen und langfristigen Verschlechterung unserer psychischen Gesundheit als Individuen führt. Es ist der Kontakt zu unseren Kolleg*innen, der uns die emotionale Unterstützung gibt, die wir brauchen, um zu gedeihen. Unsere Isolation wird als strategisch erlebt, durch eine Arbeitskultur, die unsere Arbeit als Arbeit nicht wertschätzt oder respektiert.

Diese Dynamik während der Pandemie hat die ohnehin schon prekären Bedingungen, unter denen Sexarbeiter*innen leben und arbeiten, noch verstärkt. Deshalb wandten wir uns an das, was uns in Krisenzeiten immer geholfen hat: unsere eigenen Gemeinschaften.

Im Mittelpunkt des Diskurses über Sexarbeit stehen oft Fragen der Moral und (altmodischer) sozialer Werte und nicht ein Gespräch über die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten, und darüber, wie diese verbessert werden können. Dies ist ein bedauerliches Nebenprodukt der Abwesenheit der Stimmen von Sexarbeiter*innen in Diskussionen und kulturellem Wissen und des absichtlichen Ausschlusses von uns aus den Räumen, in denen Entscheidungen über unser Leben und unseren Lebensunterhalt getroffen werden.

Die Art und Weise, wie wir gesellschaftlich und kulturell dargestellt werden, konzentriert sich in der Regel auf Bilder der Verzweiflung, dass wir nicht in der Lage sind, für uns selbst zu denken, dass wir Opfer sind. Wir werden oft als stimmlos und unerreichbar für Kommentare zu unseren eigenen Kämpfen dargestellt. In vielen Branchen gibt es Menschen, die verzweifelt oder unterprivilegiert sind. Die Tatsache, dass unsere Branche herausgegriffen wird, beweist, dass es ein moralisches Problem mit der Art von Arbeit gibt, die wir verrichten. Anstatt als entrechtete Arbeiter*innen behandelt zu werden, werden wir als moralisch fragile Individuen behandelt.

Dieses Stigma gegen Sexarbeit überschneidet sich mit unserer weiteren marginalisierten Identität als Menschen, die zusätzlich von sich überschneidenden Formen der Unterdrückung entlang von Merkmalen wie Rasse, Klasse, Geschlecht, Migrationsstatus usw. betroffen sind, was bedeutet, dass unsere Beteiligung an der Diskussion über Arbeitsrechte entweder nicht gewürdigt oder einfach nicht gesucht wird.

Anders als in den meisten anderen Ländern der Welt ist die Sexarbeit in Deutschland seit 2001 legal. Mit der Legalisierung geht jedoch auch eine Regulierung einher, und damit die Kriminalisierung von Arbeiter*innen, die nicht unter die restriktive Definition der Regierung fallen, wer Sexarbeit ausüben "darf". Für weitere Informationen über die verschiedenen rechtlichen Modelle und darüber, warum die vollständige Entkriminalisierung das einzige Modell ist, das die Arbeitsrechte für alle  gewährleistet, bietet die Gewerkschaft Zugang zu anerkannten Ressourcen.

Aufgrund der derzeitigen Arbeitskultur und unseres eingeschränkten Rechtsstatus fehlen uns (Arbeits-)Rechte und die Möglichkeit, uns mit unseren Kollegen zu organisieren, wir werden streng reglementiert und sind daher Zielscheibe von Willkür, Gewalt oder Ausbeutung durch Chefs, staatliche Institutionen oder Mitbürger. Wir sind Arbeiter*inne, die derzeit nicht den Schutz durch Arbeitsrechte genießen.

 

3. Warum eine Gewerkschaft wählen?

Unser Kampf ist ein Kampf für Arbeitsrechte.

Sexarbeit ist eine Form der Arbeit, die Menschen in gegenseitigem Einverständnis ausüben können.

Wir als Arbeiter*Innen leiden darunter, dass der derzeitige rechtliche, politische und soziale Rahmen repressiv, ungerecht regulierend, ausgrenzend und stigmatisierend ist. Die Kriminalisierung vergrößert das Leiden der Sexarbeiter*Innen, indem sie uns den Zugang zu jeder Form von sicherer Arbeit verwehrt und uns in ausbeuterische und illegale Arbeitsbedingungen drängt.

Wir kommen zu dem Schluss, dass wir zum Schutz von (Sex-)Arbeiter*innen  Macht erlangen müssen, indem wir zum Beispiel grundlegende Arbeitsrechte einführen, damit wir für unsere eigenen sicheren Arbeitsbedingungen kämpfen und sie gewährleisten können.

Wie können wir unsere Arbeitsrechte einfordern und schützen?

Wir entkriminalisieren die Sexarbeit. Und wir organisieren uns als Arbeiter*innen.

 

Als Gewerkschaft können wir für Arbeitsrechte und Autonomie kämpfen, kollektiv für uns selbst sprechen, Macht zu unseren Gunsten verlagern und Solidarität zu unseren eigenen Bedingungen aufbauen. Sexarbeit ist nicht vergänglich. Sie ist eine historische Tatsache - und eine, die die Geschichte von Orten wie Berlin geprägt hat. Wir fordern, dass unsere Arbeit als solche gewürdigt wird und dass wir die Würde erhalten, die wir verdienen.

 

4. Grundsätze

Wir stehen für eine Welt, in der der Staat keinen Anspruch auf unseren Körper und unsere Arbeit erhebt. Wir träumen von einer Welt, in der wir alle gleich sind, mit gleichem Zugang zu grundlegenden Bedürfnissen wie Nahrung, Wohnung und Gesundheitsversorgung, unabhängig von Rasse, Fähigkeiten, Geschlechtsidentität, Migrationsstatus oder anderen Ausgrenzungen.

Der Kampf für die Rechte von Sexarbeiter*Innen muss den Kampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen einschließen, und der Kampf für eine bessere Welt muss Sexarbeiter*Innen einschließen. Wir betrachten diese Themen als untrennbar miteinander verbunden, da soziale und wirtschaftliche Marginalisierung (z.B. Rassismus, ausgrenzende Migrationspolitik, Trans-/Fremdenfeindlichkeit) Faktoren sind, die Menschen in die überlebenswichtige Sexarbeit treiben. Wir sind eine intersektionale Bewegung und fordern, dass wir alle gleich behandelt werden müssen, damit wir gedeihen und nicht nur überleben können.

 

Dies sind unsere Prinzipien:

 

1. Sexarbeit ist Arbeit, ohne Ausnahme, und ohne Hierarchie. Es gibt viele Arten von Sexarbeit, und wir definieren keine Art von Sexarbeit oder Gründe für die Ausübung von Sexarbeit als "gut" oder "schlecht" oder legitimer als die anderen. Wir alle verdienen Rechte und einen Platz in der Sexarbeiter*Innen-Bewegung, ohne Ausnahme.

 

2. Intersektionale Solidarität oder Verlust. Wenn wir Menschen mit anderen Kämpfen als unseren eigenen ausverkaufen oder übersehen, sind wir mit niemandem solidarisch. Die Lebenserfahrungen von Sexarbeiter*Innen sind vielfältig, und nur wenn wir verschiedene Kämpfe auf respektvolle Art und Weise miteinander verbinden, werden wir ihnen gerecht.

 

3. Antirassistisch. Wir treten gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit ein. Wir erkennen an, dass Rassismus sowohl strukturell als auch zwischenmenschlich ist: Er wirkt sich darauf aus, wie wir innerhalb unserer Gemeinschaft und auch in der breiteren Gesellschaft miteinander umgehen. Wir arbeiten aktiv gegen beides. Wir klären auf, verbreiten Bewusstsein, unterstützen und streben eine Umverteilung der Macht an, um die weiße Vorherrschaft und rassistische Strukturen abzubauen.

 

4. Antifaschistisch. Als eine Gemeinschaft, die vom Holocaust betroffen war, erinnern wir uns an den Terror des Totalitarismus und kämpfen für eine Welt, in der so etwas nie wieder geschehen darf. Wir glauben, dass totalitäre Herrschaft tief in unseren Gesellschaften verwurzelt ist und aktiv bekämpft und verhindert werden muss, zum Beispiel durch horizontale Arbeiter*innenorganisationen.

 

5. Antikapitalistisch: Entflechten, entwaffnen, entkriminalisieren. Wir stellen Menschen und den Planeten über den Profit. Lohnarbeit kann als eine der am weitesten verbreiteten Formen der Unterdrückung angesehen werden, da sie die Mehrheit von uns dazu zwingt, für den Nutzen einer Minderheit zu arbeiten, um im besten Fall zu überleben. In unserer idealen Welt würden wir ohne Chefs und nur in Kollektiven arbeiten und uns gegenseitig versorgen; jeder hätte unabhängig von seinen Fähigkeiten gleichen Zugang zu den lebensnotwendigen Dingen wie Nahrung, Wohnung und Gesundheitsversorgung.

 

6. Anti-Staat. Wir lehnen die derzeitige diskriminierende Regulierung unseres Lebens durch den Staat ab und sind nicht der Meinung, dass er uns "schützt". Die Covid-Pandemie hat die Logik des Staates offengelegt, der den Profit über das Leben und die Gesundheit der Menschen stellt. Wir sehen Ähnlichkeiten mit der deutschen Wirtschaft, die von uns profitieren will, indem sie unseren Körper und unsere Arbeitskraft besteuert, ohne uns irgendwelche Rechte oder materielle Unterstützung zu gewähren. Wir stehen daher der Legalisierung von Sexarbeit kritisch gegenüber, da die Definition dessen, was legal ist, immer auch Kontrolle und Kriminalisierung (der am stärksten Marginalisierten) beinhaltet. Wir wissen, dass nur eine vollständige Entkriminalisierung der Sexarbeit Sicherheit bieten kann. Im Gegensatz dazu bauen wir starke Gemeinschaften auf, in denen wir uns auf Augenhöhe organisieren und schützen.

 

7. Anti-Gefängnis, Anti-Kriminalisierung. Als teilweise kriminalisierte Gemeinschaft kennen wir alle jemanden, der durch die Interaktion mit den Strafverfolgungsbehörden zu Schaden gekommen ist. Die Polizei ist eine extreme Bedrohung für unsere Gemeinschaft. Wir setzen uns dafür ein, dass die Mittel für Dienste, die uns "schützen", von der Polizei abgezogen und an professionelle Experten vergeben werden, die marginalisierte Gemeinschaften wie die unsere verstehen und wirklich unterstützen können. Gefängnisse und Strafen bieten keine Sicherheit, weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft als Ganzes. Wir setzen uns für eine Welt ein, in der Gesetze und Polizisten nicht unseren Körper und unser Leben kontrollieren. Gemeinschaftliche Betreuung und gleicher Zugang zu Ressourcen können Polizei und Gefängnisse überflüssig machen und Leben retten.

 

8. Ansatz der Schadensminderung. Wir verpflichten uns, die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Gemeinschaft in den Vordergrund zu stellen, indem wir vorurteilsfreie Räume anbieten, in denen wir gegenseitige Hilfe suchen und leisten können. Sexarbeiter*Innen wissen am besten, was unsere Gemeinschaft braucht. Wenn wir Hilfe bei Strukturen außerhalb unserer Gemeinschaft suchen, werden wir oft stigmatisiert und geschädigt. Wir arbeiten aktiv daran, unsere Gemeinschaft zu schützen und unser Recht auf ein Leben in Sicherheit, Frieden und guter Gesundheit einzufordern.

 

9. Feministisch. Wir treten für die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung der Rolle der Frau ein. Obwohl Sexarbeiter*innen weltweit verschiedene Geschlechter haben, wird Sexarbeit in der Regel als weibliche (Reproduktions-)Arbeit betrachtet und im Patriarchat als solche abgewertet. Diese Sichtweise wird nicht nur unserer Realität nicht gerecht, sondern dient auch dazu, uns in eine Opferrolle zu drängen. Sexarbeiter*innen waren und werden immer Teil der feministischen Bewegungen sein. Wenn Ihr Feminismus Sexarbeiter*innen nicht unterstützt, ist er kein Feminismus.

 

10. Antisexistisch und trans-inklusiv. Wir definieren oder diskriminieren niemanden aufgrund seines Geschlechts oder seiner Herkunft. Menschen aller Geschlechter sind untrennbare Mitglieder unserer Gemeinschaft: Trans-Frauen und nicht-binäre / geschlechtsuntypische Personen stellen einen großen Teil unserer Sexarbeiter-Gemeinschaft dar, und wir verpflichten uns, unsere Kämpfe zu vereinheitlichen. Wir tolerieren keinen Sexismus, keine Trans-/Misogynie oder Anti-Trans-Bigotterie und betrachten einen Angriff auf einen von uns als Angriff auf uns alle. Wir priorisieren die Aufdeckung der Transphobie und des Sexismus, die den Kern der gegenwärtigen Systeme weißer-cis-hetero-patriarchalischer Macht bilden (JobCenter Zugang zu Sozialleistungen, Familienrecht, Ehe- und Familienplanung, Rentensysteme usw.) und setzen uns dafür ein, dass diese Systeme nach inklusiven Prinzipien umgestaltet werden.

 

11. Pro-LGBTQIA+. Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ist in unserer Gemeinschaft inakzeptabel. Die Vertretung von LGBTQIA+ in der Sexarbeit ist stark, und wir gedenken, schätzen und feiern den historischen und lebendigen Austausch und die Überschneidung unserer Gemeinschaften.

 

12. Politisch unabhängig. Wir stehen auf der Seite der SexarbeiterInnen und kämpfen für unsere Interessen. Darüber hinaus sind wir politisch unabhängig und orientieren uns an keiner politischen Partei.

 

 

5. Wie wir uns organisieren

Die Sektion der Sexarbeitenden ist horizontal und nicht hierarchisch organisiert. Es gibt keinen Vorstand oder Chefs; stattdessen werden alle Aufgaben und Verantwortlichkeiten von Sexarbeiter*innen wahrgenommen, die ihre Zeit ehrenamtlich zur Verfügung stellen. Entscheidungen werden gemeinsam im Konsens oder - wenn nötig - per Mehrheitsbeschluss getroffen. Innerhalb der Gewerkschaft FAU Berlin sind wir eine autonome Sektion, in der wir unsere Interessen als Sexarbeiter*innen selbst vertreten und uns mit anderen Gewerkschaftsmitgliedern vernetzen. Wir glauben, dass Empowerment, individuelle Freiheit, gemeinschaftliche Zusammenarbeit und Kollektivität sich in der Art und Weise, wie wir uns organisieren, widerspiegeln müssen.

 

Alle neuen Mitglieder müssen den Verhaltenskodex der FAU SW-S anerkennen.

Die SW-S-Gemeinschaftsrichtlinien sind die Leitlinien für einen verantwortungsvollen Umgang sowohl zwischen den Mitgliedern von SW-S als auch mit anderen Gruppen. Wir verpflichten uns zur Einhaltung dieses Verhaltenskodexes und verlangen, dass alle zukünftigen Mitglieder ihn ebenfalls einhalten.

 

Dieses Dokument enthält Verhaltensregeln für die folgenden Interaktionen:

 

1. SW-S intern (zwischen Sektionsmitgliedern)

2. Unterstützer

3. Sexarbeiter*innen, die keine SW-S-Mitglieder sind

4. FAU-Genoss*innen

 

Das Dokument verpflichtet die Mitglieder der FAU SW-S auf einen Ethikkodex, der selbstreflexiv ist, die Mitglieder gegenüber sich selbst und anderen zur Rechenschaft zieht, unsere Privatsphäre und Identität schützt, wenn wir uns als Arbeiter*Innen organisieren, und sicherstellt, dass wir uns zu regelmäßigen Sensibilisierungstrainings, gewaltfreien Kommunikationsstilen und der Priorisierung unserer geistigen, emotionalen und körperlichen Gesundheit als Gewerkschaftsmitglieder verpflichten.


6. Unsere Ziele

Unsere Ziele sind (in keiner bestimmten Reihenfolge):

- Gesellschaftliche und institutionelle Entstigmatisierung und Anerkennung von Sexarbeit als Beruf durch Aufklärung, Aufklärungsarbeit und Vernetzung.

- Vollständige Entkriminalisierung und Abschaffung von repressiven Sonderregelungen gegen Sexarbeiter*Innen.

- Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiter*Innen.

- Rechte für Sexarbeiter*Innen, geschrieben von Sexarbeiter*Innen.

- Aufbau einer vielfältigen Gemeinschaft von Sexarbeiter*Innen.

- Vernetzung und Einbeziehung der Kämpfe von Sexarbeiter*Innen in andere verwandte Bewegungen (z.B. die Kämpfe von Migrant*Innen, BIPoCs, LGBTIAQ+, Feminist*Innen, Arbeiter*Innen, Antifaschist*Innen, die Kämpfe für reproduktive Rechte und körperliche Autonomie).

- Etablierung einer landesweiten gewerkschaftlichen Organisierung von Sexarbeiter*Innen. Dazu brauchen wir die Initiative von Sexarbeiter*Innen in anderen Regionen Deutschlands und unterstützen sie beim Aufbau von Strukturen.

- Stopp der Ausgrenzung und Verdrängung (d.h. Gentrifizierung) in den Stadtlandschaften, die unsere Arbeits- und Lebensräume schädigt und die Arbeitsbedingungen verschlechtert - auf der Straße und in den Etablissements. Dieser Prozess verteuert auch die Lebenshaltungskosten und verlangt uns letztlich mehr Arbeit ab, um zu überleben. In diesem Sinne setzen wir uns dafür ein, dass alle Sexarbeiter*innen, die dies wünschen, eine Wohnung erhalten und dass die stigmatisierende Diskriminierung bei der Wohnungssuche beendet wird.

- Digitale Rechte für Online- und stationäre Beschäftigte; Eigentumsrechte an Online-Inhalten; Online-Zensur; Datensicherheit. Wir setzen uns für die Autonomie und die Rechte von Arbeiter*innen bei den von uns genutzten Online-Plattformen ein, so wie wir auch von den Chefs an physischen Arbeitsplätzen Rechenschaft verlangen. Da unser Leben und unsere Arbeit mehr und mehr von Online-Räumen abhängen, wird der Ausschluss von Sexarbeiterinnen aus dem Internet zu einer materiellen Bedrohung. Unser Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass SexarbeiterInnen in künftigen Diskussionen über digitale Rechte einen Platz am Tisch haben.

- Die Bankendiskriminierung und die Politik, die Sexarbeiter*Innen von den meisten Zahlungsplattformen ausschließt und uns damit die Teilnahme an und den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen innerhalb kapitalistischer Strukturen verwehrt, muss beendet werden.

- Beendigung der Aneignung der Expertise und Kultur von SexarbeiterInnen.

- Die Forderung, dass die Lobbyarbeit der Sexarbeiter*Innen-Gemeinschaft anerkannt und wertgeschätzt wird. Wir müssen in Positionen eingestellt werden, die mit uns zu tun haben; unser Fachwissen muss bezahlt werden; wir haben es satt, von Sozialarbeiter*innen, Ärzt*innen, Gesundheits-"Expert*innen" usw. schlechtgeredet und herabgewürdigt zu werden.

 

7. Strategien

Um diese Ziele zu erreichen, müssen wir unsere Strategien entwickeln, etablieren, ausprobieren und reflektieren.

 

1. Wir befürworten die bestehenden FAU-Strategien:

 

Druck an der richtigen Stelle ausüben

Wir rufen zu "direkten Aktionen" auf, um unsere Interessen zu schützen und zu fördern. Die Methoden reichen von einer kollektiven Drohung bis hin zu Streik oder Boykott. Wir üben damit die Macht aus, die in der Arbeit und der Kaufkraft steckt. Die Gewerkschaft kann diese Macht aufrechterhalten und die direkte Aktion zu ihrem logischen Ende bringen: Die demokratische Neugestaltung der Produktionsmittel und der Verteilung der Güter.

 

Eine zuverlässige Formel

Die direkte Aktion hat zwei Eigenschaften: Einerseits kann sie zur Verteidigung und Verbesserung der sozialen Bedingungen eingesetzt werden. Andererseits verkörpert sie die für eine neue Gesellschaft erforderliche Solidarität. Diese syndikalistische (oder gewerkschaftliche) Methode ist nicht nur in rein wirtschaftlichen Fragen nützlich, sondern kann auch in anderen sozialen Bereichen (Wohnungsbau, Ökologie, Antimilitarismus usw.) eingesetzt werden.

 

Wirtschaft ist politisch

Auf diese Weise verfolgt die FAU eine sozialrevolutionäre Strategie. Wir streben eine Revolution der Gesellschaft "von unten" an. Denn die Machtverhältnisse werden durch die Arbeit und die sozialen Beziehungen bestimmt. Wir wollen diesen Bereich direkt und grundlegend beeinflussen, ohne den Umweg über den Staat zu nehmen, auch wenn indirekte Methoden (Proteste, Klagen usw.) manchmal taktisch nützlich sein können.

 

Mehrheitsbildung an unseren Arbeitsplätzen mit der "AEIOU"-Methode

(A)gitation am Arbeitsplatz, Aufzeigen von Problemen; (E)dukation bedeutet, dass wir uns verpflichten, nach den Ursachen der Probleme zu suchen und uns übe unsere Rechte zu informieren; (I)nokulation, indem wir uns zunächst in kleineren Konflikten am Arbeitsplatz engagieren, die Kolleg*innen zusammentrommeln, kleine Herausforderungen annehmen; (O)rganisation, indem wir beginnen, Strukturen aufzubauen, Kampagnen zu starten, Unterschriften für offene Briefe zu sammeln usw. (U)nionisierung kommt am Ende, wenn alle Strukturen vorhanden sind, wenn die Menschen hinter uns stehen.

 

2. Kollektivität schaffen

Wir organisieren uns mit unseren Kollegen und schaffen eigene Kommunikationskanäle und Gemeinschaften. Dies gibt uns die Möglichkeit, Methoden zur Bewältigung unserer Probleme gemeinsam zu planen und zu diskutieren und voneinander zu lernen. Wir können kollektiv verhandeln und Standards zum Nutzen aller SexarbeiterInnen festlegen.

 

3. Vernetzung

Wir bauen Brücken zu anderen SexarbeiterInnen-Organisationen oder Gruppen, die sich mit Fragen der Sexarbeit beschäftigen, und arbeiten aktiv zusammen. Um die Isolation zu überwinden, versuchen wir, die Interessen von Sexarbeiter*Innen in andere Bewegungen einzubringen, aber auch in unseren eigenen Kampf einzubeziehen. Wir streben nach Solidarität zwischen verschiedenen Arbeitsbereichen und sozialen Bewegungen sowohl innerhalb der FAU als auch in der breiteren politischen Landschaft.

 

8. Schlussfolgerung

Die Sektion der Sexarbeitenden der FAU-Berlin ist ein bahnbrechendes Projekt. Unser Ziel ist es, ein Modell zu schaffen, an dem sich andere FAU-Sektionen orientieren können, und idealerweise ein Modell für die gewerkschaftliche Organisierung von Sexarbeiter*Innen, von dem der Rest der globalen Gemeinschaft profitieren kann. Da wir uns der Bedeutung unserer Arbeit bewusst sind, haben wir dieses Manifest erstellt, das uns als Leitfaden dienen soll, damit wir bei unserem Wachstum und unseren Fortschritten unsere tief verwurzelten Grundsätze der Gerechtigkeit und Gleichheit sowie den Pioniergeist, mit dem dieses Unternehmen begann, nicht vergessen.

In den kommenden Kämpfen vertrauen wir auf die organisatorische Weisheit der FAU und die Weisheit der Sexarbeiter*Innen-Gemeinschaft, und wir bauen auf die Bemühungen der Generationen, die vor uns gekommen sind, um eine bessere Welt für die Sexarbeitenden zu schaffen, die in unsere Fußstapfen treten. Wir träumen von einer besseren, selbstbestimmten Zukunft für uns alle. 

Die kämpferische Gewerkschaft

Einfach ausfüllen und abschicken: Hier geht's zum MitgliedsantragDie FAU Berlin ist eine un­abhängige Basis­gewerkschaft. Sie ist bundesweit in der Gewerkschaftsföderation FAU organisiert. Tretet bei, bringt euch ein, werdet aktiv.

Wir kommen wieder!

Die FAU Berlin befindet sich gerade in einer Neustrukturierungsphase! Das bedeutet, dass wir einige unserer öffentlichen Aktivitäten herunterfahren, um uns auf die künftige Strategiefindung zu konzentrieren. Während dieser Zeit werden wir unsere Mitglieder selbstverständlich weiterhin unterstützen. Wenn du als Mitglied Hilfe brauchst, dann kannst du dich gern an deine Sektion/Betriebsgruppe wenden - oder du schaust einfach freitags im offenen Lokal vorbei!

Einstieg und Beratung
Infoveranstaltung: FAU – Wie funk­tioniert das? Findet bis auf Weiteres nicht statt.
Offenes FAU-Lokal: Freitags, 17.00–20.00 Uhr.
Gewerkschaftliche Beratung: immer am 2. und 4. Freitag im Monat, 18.30–19.30 Uhr.
Bitte zuerst lesen!
MieterInnenberatung: Findet bis auf Weiteres nicht statt.
Offene Beratung für Kollektivbetriebe: Siehe die Beratungs-Seite der union coop // föderation.
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