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Passierschein A38 oder Von einem, der auszog, Lohn einzuklagen

Veröffentlicht am 06.01.2021 Kategorien: , , ,
Die Reise in die Welt der Gerichte, Zuständigkeiten, Fristen, Formulare und Formalitäten kann einem schonmal vorkommen wie ein Walkthrough durch das „Haus, das Verrückte macht“. Nachdem wir bereits über die Praktiken der Bahnhofsbäckerei Cuccis berichteten, geht es nun um ihr orangefarbenes Pendant Scoom.

Es steckt schon im Begriff: Wer lohnarbeitet, arbeitet und bekommt Lohn. So zumindest die Theorie. „Ein tolles Konzept“, würde manch eine*r sagen. Ist ja besser, als ohne Lohn zu arbeiten. Doch genau das kommt eben doch öfter vor als man so denkt.

Im echten Leben gibt es eine Menge Ausnahmen; und manche „Ausnahmen“ gründen sich schlichtweg auf Dreistigkeit. Manchmal wird einfach nicht gezahlt - und man guckt eben mal, was passiert. In den meisten Fällen – so die Hoffnung – nichts. Die Angst vor der Kündigung wird es schon richten. Hotspots für solche „Experimente“ scheinen die Einflugschneisen der S- und U-Bahnhöfe zu sein: Vor einigen Monaten veröffentlichten wir bereits einen Artikel über die Bahnhofsbäckerkette Cuccis, die durch diese Praxis hin und wieder auffiel. Empört mochte sich anschließend vielleicht der*die eine oder andere erzürnte Leser*in nach einer Alternative umsehen. Da gab es doch noch diesen anderen Bäcker, diesen orangenen - nun ja. Leider versucht auch Scoom, Leute um ihren Lohn zu bringen. Und sowohl Cuccis als auch Scoom gehören beide zum Snack-Imperium von Nobert von Allvörden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Bleibt der Lohn aus, fragt man natürlich nach. In der Regel wird man dann vertröstet. Das Ganze wiederholt und zieht sich – bis irgendwann nicht einmal mehr auf Nachfragen reagiert wird. Wenn der*die Arbeitgeber*in das Problem nicht aussitzen kann, kann er*sie es vielleicht ja trotzdem erfolgreich wegignorieren.

Neben Nachfragen, Erinnerungen und schier ewiger Geduld steht dem*der geprellten Arbeiter*in dann – wenn alles nichts hilft – der Rechtsweg offen. Doch auch da gibt es einige Hindernisse, über die zu hüpfen man als Arbeiter*in imstande sein muss. Wenn man nur gebrochen Deutsch spricht, werden die Hürden umso höher. Müsste man sich nun ein möglichst übles Szenario ausdenken, könnte man ein Unternehmen erfinden, das überwiegend Leute auf der nicht-deutschen Seite der Sprachbarriere einstellt. Das verringert schließlich die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich jemand den Hürdenlauf namens Lohneintreiben auf sich nimmt. Falls man als Arbeiter*in diese Herausforderung trotzdem annehmen will, braucht man vor allem zwei Dinge: einen langen Atem und Unterstützung.

Die Reise in die Welt der Gerichte, Zuständigkeiten, Fristen, Formulare und Formalitäten kann einem schonmal vorkommen wie ein Walkthrough durch das „Haus, das Verrückte macht“. In der berühmten Sequenz aus „Asterix erobert Rom“ werden Asterix und Obelix kreuz und quer durch ein Verwaltungsgebäude geschickt, um den Passierschein A38 zu erhalten. Niemand fühlt sich zuständig, in unnötig langen Wegen geht es kreuz und quer von Schalter zu Schalter durch das Gebäude. Am Ende jedes Weges wartet ein neuer, der doch nur dorthin führt, wo man hergekommen ist. Dabei geht es wieder und wieder am Pförtner vorbei, der glaubt, man wolle eine Galeere eintragen lassen. Das geht an die Substanz: Viele, die es versucht haben, haben sich in andere Bewusstseinszustände geflüchtet. Sie leben fortan gar als Huhn oder Pferd.

Wagt man sich nun in solch ein „Haus, das Verrückte macht“ hinein, um als Arbeiter*in ausgebliebene Lohnzahlungen einzufordern, ist die Gefahr, den Überblick oder die Nerven zu verlieren, recht hoch: Wie fülle ich einen Mahnbescheid richtig aus? Wo schicke ich ihn hin? Was muss ich machen, wenn der Bescheid abgelehnt wird, wenn ich einen neuen Bescheid schicke? Was ist ein Vollstreckungsbescheid? Wo kreuze ich was an? Welche Fristen muss ich einhalten? Undundund. Es gibt erstaunlich viele Fallstricke zu beachten und während man versucht, sich an ihnen vorbeizuwurschteln, kommt im Fall von Scoom auch noch die Ausschlussfrist vorbei und macht das Licht aus. In manchen Arbeitsverträgen steht nämlich, dass Lohnansprüche nach drei Monaten erlöschen. Es lohnt sich, einen Moment lang darüber nachzudenken, was das unter Umständen bedeutet: Ein Unternehmen stellt überwiegend nicht deutschsprachige Leute ein. Fordern diese Leute ihren Lohn, hält man sie hin – bestenfalls, bis die Ausschlussfrist verstrichen ist. Und wenn es einigen Leuten gelingt, vor Ablauf dieser Frist ihren Lohn einzufordern, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie irgendwo auf ihrem Weg zum Arbeitsgericht aufgeben werden. Und selbst, wenn gleich ein ganzes Dutzend Arbeiter*innen den Lohn einklagen würde: Unterm Strich würde sich solch eine betrügerische Praxis lohnen, da noch immer eine ganze Stange Lohnkosten eingespart wird.

Hat der*die Arbeiter*in es dann tatsächlich geschafft und sitzt in der Verhandlung, kann er*sie es auch noch mit einem Richter zu tun bekommen, der auf Du und Du mit dem Arbeitgebervertreter ist. Dieses Pech hatte die betroffene Person in dem uns bekannten Fall.Der Richter berichtete anstatt zu richten. Er berichtete beispielsweise, dass eine Bahnhofs-Bäckereikette wie Scoom normalerweise immer pünktlich zahlen würde und man die Klage doch bitte zurückziehen solle. Schließlich sei das fehlende Gehalt bereits am Tag vor der Verhandlung – also mit „nur“ einigen Monaten Verzögerung - überwiesen worden. Außerdem sei das Unternehmen wegen Corona in Schwierigkeiten, da müsse man also Verständnis haben. Blöd nur, dass Scoom schon vor der 1. Corona-Welle aufhörte, seine*n Arbeiter*in zu bezahlen.

Was tut man in so einem Fall? Man zieht die Klage nicht zurück, sondern „einigt“ sich auf einen Vergleich. Dann muss die Gegenseite immerhin die 7 Euro Portokosten bezahlen, die angefallen sind. Und das nächste Mal nimmt man vielleicht einfach gleich den Passierschein A39, wie er im neuen Rundschreiben B65 festgelegt ist. Denn am Ende führen wohl auch noch andere Wege nach Rom.

 

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