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WMD 2013: Hürden für eine menschengerechte Arbeitswelt

Veröffentlicht am 30.04.2013 Kategorien: , ,
Am 28.4. 2013 versammelten sich über 30 Lernende und Auszubildende, ArbeiterInnen, Erwerbslose und Freelancer auf den Aufruf der ASJ und FAU Berlin hin vor dem Neuköllner Rathaus, um den weltweiten Opfern der Lohnarbeit zu gedenken und im Kampf für die Lebenden nach vorne zu blicken. "Remember the dead - fight for the living!", so lautet auch das Motto des Workers Memorial Day. Nachfolgend findet Ihr die Rede der FAU Berlin zu den Hürden auf dem Weg zu einer menschengerechten Arbeitswelt.

Rede zum Workers Memorial Day 2013

Wir sind hier, um an unsere KollegInnen zu erinnern, die durch Arbeits- und Wegeunfälle umgekommen sind, oder bleibende Schäden davongetragen haben.

Wir sind hier, um anzuprangern, dass durch Profitstreben Menschen sterben müssen.

Wir sind hier, um an die Opfer des kapitalistischen Alltags zu erinnern, die sonst so schnell vergessen werden und als tragische Einzelfälle nur noch Freunden und Angehörigen wichtig sind.

Wir sind hier, um diese Erinnerung am alljährlichen Workers Memorial Day wachzuhalten.

1. Lebensgefahr und die Kosten unserer Gesundheit

Zugegeben, heutzutage ist Lebensgefahr in den meisten Berufen nicht mehr alltäglich. Zumindest hierzulande, in anderen Regionen und manchen Branchen sieht das noch ganz anders aus, wie die zusammengestürzte Fabrik in Bangladesh beweist, die hundert ArbeiterInnen unter sich begrub, oder das Stahlwerk im italienischen Taranto, dass seit Jahrzehnten ArbeiterInnen und Bevölkerung vergiftet und 2012 dreizehn Arbeitern bei Unfällen das Leben kostete. Doch auch wenn es für viele besser geworden ist, heißt das nicht, dass wir jetzt Sicherheit und Gesundheit vertrauensvoll in die Hände von Boss und Management legen können. Denn das Profitstreben im allgegenwärtigen Wettbewerb wirkt weiter und die ArbeiterInnen sind die ersten, die darunter zu leiden haben.

Die Ursachen für Gesundheitsschäden sind nämlich nicht selten direkt oder indirekt auf Kosteneinsparungen zurückzuführen: Überarbeitung, Zeitdruck, fehlende oder falsche Ein- und Unterweisungen, unzureichende Schutzausrüstung, haltungsschädigende Möbel und Arbeitsbereiche, defekte oder überbrückte Sicherheitsvorkehrungen, mangelnde Organisation bis hin zu gefahrbringenden Arbeitsanweisungen sind keine Seltenheit.

So wirkt sich der weiter zunehmende Konkurrenz- und Leistungsdruck der herrschenden Wirtschaftsordnung negativ auf unsere Sicherheit aus. Und ist es nicht seltsam, dass die Zahl der Arbeitsunfälle bei positiver Konjunktur stärker stiegen als die geleisteten Arbeitsstunden? Wir müssen uns klar machen, dass Arbeitsprozesse in den letzten Jahren immer weiter verdichtet wurden, dass ArbeiterInnen heute in der gleichen Zeit viel mehr Verantwortung tragen und Aufgaben übernehmen, ohne dass dabei im gleichen Maße Zielvorgaben gesenkt wurden. Aber: Wir müssen uns auch klar machen, dass das alles nicht naturgegeben ist.

2. Wir können etwas für unseren Arbeitsschutz tun

Wir können etwas für den Arbeitsschutz tun, auch wenn einiges im Argen liegt: Gesetze bieten oft keine konkreten Ansatzpunkte, der eigene Informationsstand ist dürftig, Vorgesetzte sind uneinsichtig oder widerspenstig... Und einstmals engagierte KollegInnen und Beauftragte haben womöglich resigniert, weil sie das Gefühl hatten, ihre Bemühungen liefen ins Leere.

Genug Gründe, sich auf gleicher Augenhöhe zusammenzuschließen und gemeinsam und solidarisch für bessere Bedingungen zu kämpfen! Wir werden schließlich nicht bezahlt, um zu sterben, sondern, um leben zu können. Und uns ist auch nicht egal, wie wir leben wollen. Wir wollen möglichst gut leben. Das Aufzeigen von Sicherheitsmängeln und die aktive Mitwirkung an deren Vermeidung und Beseitigung liegen also in unserem ureigenstem Interesse.

Dabei sollten wir uns nicht auf Formalien und Institutionen verlassen, sondern selbst aktiv werden. Denn wir – ArbeiterInnen, Angestellte, Auszubildende, Lernende, aber auch viele Selbständige und Freiberufler - sind es, die täglich vorgegebenen Arbeitsabläufen und möglichen Gefährdungen ausgesetzt sind. Die FAU Berlin ist deshalb der Meinung, dass die ArbeiterInnen bei Entscheidungen, die ihre Sicherheit betreffen, auch das letzte Wort haben sollten. Wichtig dabei ist jedoch, dass wir selbstbewusst unsere Bedingungen diktieren und bei der eigenen Sicherheit keine fadenscheinigen Kompromisse im Namen von Standort, Wettbewerbsfähigkeit oder Nation akzeptieren.

3. Vom Hier und Heute und grundlegenden Änderungen

Wenn ein Problem oder eine Gefährdung auftritt, ist meist der erste Schritt, mit KollegInnen oder der Sicherheitsbeauftragten zu sprechen. Für jede Tätigkeit und jeden Arbeitsplatz muss weiterhin eine Gefährdungsbeurteilung vorliegen. Kommt es schließlich zu einer Konfrontation mit Vorgesetzten oder ist eine solche absehbar, sollte nie allein vorgegangen werden. Gemeinsam erhöhen sich die Erfolgschancen und aktive Belegschaftsmitglieder geraten nicht so leicht ins Visier der Geschäftsführung. Zudem kann auf das Know How und die aktive Solidarität vieler weiterer gewerkschaftlich organisierter KollegInnen zurückgegriffen werden.

Das alles ist sehr wichtig, um unsere Bedingungen im Hier und Heute zu verbessern und unser Überleben zu sichern. Aber reicht das aus? Wollen wir wirklich unser ganzes Leben mit Abwehrkämpfen verbringen? Über kurz oder lang müssen deshalb die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert werden. Denn die belastende Situation der Lohnarbeit und die Profitorientierung der Wirtschaft stehen gesunden Arbeitsbedingungen entgegen.

4. Die Folgen der Prekarisierung beim Arbeitsschutz

Eindrucksvoll zu sehen ist das im Rahmen der Prekarisierung der Arbeitswelt, bei Werkverträgen, Minijobs und Leiharbeit. Scheinselbständige nehmen viel auf die eigene Kappe, für die schnell auswechselbaren MinijobberInnen lohnt es sich gar nicht Sicherheitsschuhe zu kaufen und LeiharbeiterInnen sind eh bald wieder weg. Zudem ist es doch ganz praktisch, wenn das Unternehmen nach einem Unfall gleich Ersatz geliefert bekommt...

LeiharbeiterInnen erleiden öfter Arbeitsunfälle als ihre KollegInnen der Stammbelegschaft. Ihre prekären Beschäftigungsverhältnisse wirken sich auf Arbeitsschutz und Arbeitsabläufe aus. Die kürzere Beschäftigungsdauer führt neben geringerer Ortskenntnis, z.B. wo welche Stolperfallen lauern, auch zu weniger Schulungen. So verstärkt ein Problem das Nächste. In einem Gespräch mit einem Leiharbeiter kam heraus, dass das Fließband bei ihnen schneller läuft, als bei den Stammbeschäftigten. Solche Skandale gibt es sicher unzählige. Es gibt wenige Statistiken, aber für 2006 einen Bericht, nach dem der Anteil der so genannten „Leihkeulen“ unter den abhängig Beschäftigten offiziell bei 1,8 Prozent lag – bei einem Anteil von Arbeitsunfällen von 4,6 Prozent.

5. Lohnarbeit macht uns auch innerlich kaputt

Zum Arbeitsschutz gehört also mehr, als die bloße Vermeidung von Unfällen, es geht um menschengerechte Arbeitsgestaltung. Dazu gehören auch soziale und psychische Faktoren. Allgemeingültige Aussagen sind durch individuelle Grenzen und Bedürfnisse oft schwer, es gibt aber auch strukturelle soziale und psychologische Belastungen: Von der Hire-and-Fire-Politik des Managements über ungünstige Schichtpläne, den Druck, immer kurzfristig einspringen zu müssen bis zum ständig wechselnden Arbeitsort in der Leiharbeit. Auch der grundsätzliche Druck zur Lohnarbeit und die Macht der Chefetage, über unsere Zukunft zu entscheiden, gehört in diese Kategorie.

Zu dieser Struktur der Unterordnung gehört ein Zustand permanenter unterschwelliger Strafandrohung bei Nichtbefolgen, was wiederum zu einem potentiellen Stresszustand bei den Lohnabhängigen führt, begleitet von Ohnmachtsgefühlen. Die Entstehung und Verinnerlichung von Ängsten ist dabei quasi vorprogrammiert. Denn problematische Konstellationen im Betrieb können oft über Jahre oder quasi nie verändert werden, da einfach die Möglichkeiten und die Kultur zur gemeinsamen Gestaltung fehlen.

Hier ist ein grundsätzliches Umdenken nötig. Es braucht eine durchgreifende Demokratisierung von unten hin zur Selbstverwaltung, mit der Möglichkeit, offen über Probleme sprechen und sie gemeinsam mit den KollegInnen lösen zu können. Das wäre nicht nur eine psychologische Entlastung für die Menschen, sondern auch eine unendliche Erleichterung beim Arbeitsschutz.

6. Arbeitsschutz, FAU Berlin und Workers Memorial Day

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit. Zum Abschluß möchte ich Euch noch drei Hinweise auf den Weg geben:

  • Informiert Euch in der Allgemeinen Arbeitsschutzfibel über die Grundlagen des Arbeitsschutzes in Deutschland - in Kürze auch online verfügbar.

  • Tauscht Euch in den Sektionen der FAU Berlin über Eure Arbeitsbedingungen aus und besprecht Fragen zum Arbeitsschutz - holt Euch Hilfe bei Problemen.

  • Nehmt zu uns Kontakt auf, wenn ihr im nächsten Jahr etwas in Eurem Viertel oder Betrieb oder zu einem bestimmten Thema anlässlich des Workers Memorial Day organisieren wollt.

 

Gedenken wir den Toten – Kämpfen wir für die Lebenden!

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