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Eine Frage der Klasse

Veröffentlicht am 30.01.2018 Kategorien: ,
Hier dokumentieren wir den offenen Brief der (ehemals) Beschäftigten des Bildungs- und Sozialwerks des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg (BLSB) an den Vorstand des BLSB e.V. und den Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e.V. (LSVD)

Über das Betriebsklima und den Arbeitskampf beim LSVD

 

2017 war ein bewegtes Jahr für den Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Berlin-Brandenburg. Die sogenannte Ehe für Alle, für die man zusammen mit anderen lange gekämpft hatte, wurde im Bundestag beschlossen. Zudem konnte das lang geplante Denkmal für die erste Homosexuellenbewegung endlich fertiggestellt werden. Trotzdem wird 2017 als jenes Jahr in die Geschichte des Berliner LSVD mit dem größten Imageschaden eingehen, in dem sich die überwältigende Mehrheit der Mitarbeiter*innen gegen Geschäftsführung und Vorstand wegen miserabler Arbeitsbedingungen und prekärer Beschäftigung auflehnten. Als Ergebnis dieses Konflikts wurden mehr als 2/3 der Belegschaft gegangen oder haben ihn selbstständig verlassen. Zeit für ein paar Abschiedsworte.

 

Wie kam es dazu?

 

Am Anfang stand die Sorge um die Qualität der Projekte. Schwierige Arbeitsbedingungen (keine Einarbeitung, fehlende Arbeitsstrukturen, dazu häufige Wochenendarbeit und Überstunden in jährlich befristeten Anstellungsverhältnissen) sorgten für massive Überlastungen der Mitarbeiter*innen. Ständige Personalwechsel und hohe Krankenstände gehörten zum Arbeitsalltag beim LSVD. Zudem deckten wir untereinander Vorfälle auf, an denen Geschäftsführung und Vorstand beteiligt waren, die ein vertrauensvolles Arbeitsklima zusätzlich belasteten.

Diese Probleme versuchten wir intern mit der Führung des LSVD zu klären. Allerdings gab (und gibt es bis heute) keine (gesetzlich vorgeschriebene) Beschwerdestelle beim LSVD Berlin-Brandenburg und kein Verfahren dazu, wie mit Missständen umgegangen wird. Stattdessen wurden, in einem intransparenten Vorgehen, Berichte eingeholt und am Ende in unangekündigten Personalgesprächen angeordnet, dass über die Probleme nicht mehr zu reden sei. Beschwerden sollten wir in Zukunft an den Geschäftsführer oder den Vorstand im Einzelgespräch richten. Doch wenn der Geschäftsführer Jörg Steinert Trauzeuge des einflussreichsten Vorstandsmitglieds Bodo Mende ist - wie ernstzunehmend ist die Unabhängigkeit einer solchen Beschwerdestelle?

 

Wir sahen keine Verbesserung der Zustände und begannen uns gewerkschaftlich zu organisieren. Von da an wurde alles versucht, uns zu vereinzeln: Supervisionen, Teamsitzungen, Teamfrühstück und Betriebsausflug wurden gestrichen. Dazu kamen drohende E-Mails, die uns untersagten unsere gewerkschaftlichen Rechte wahrzunehmen. Unseren Organisationsgrad konnten sie damit jedoch nicht zerstören. Was litt, war die Projektarbeit. Diese wurde ohnehin schon durch den schlechten Ruf des Vorstands in der Community erschwert. So kam manche Kooperation nicht zustande, weil die Führung des LSVD als lesbenfeindlich (Stichwort Gedenken in Ravensbrück oder die lesbische Leerstelle unter den Vorstandsmitgliedern), erzkonservativ und antiintellektuell gilt.

 

Konsequenzen

 

Der Feldzug des LSVD gegen die eigenen Mitarbeiter*innen und damit gegen jahrelange Erfahrung, Expertise und Netzwerkzugehörigkeiten endet in einem Trümmerfeld. Um unsere gute Arbeit für sinnvolle und wichtige Projekte zu sichern, forderten wir einen Tarifvertrag mit minimalen Standards, die in der restlichen Arbeitswelt selbstverständlich sind. Als Antwort darauf, erfolgte ein breit angelegter Kahlschlag bei der Belegschaft, an dessen Ende manche Projekte (Regenbogenfamilienzentrum, Respect Gaymes, Community Games) gänzlich ohne Mitarbeiter*innen da standen. Der Preis, der damit für eine weitgehend neue und damit gefügigere Belegschaft bezahlt wird, lässt ahnen, dass es der Führung des LSVD mehr um sich selbst, als um die Projektarbeit geht.

 

Die Bilanz

 

Der Konflikt ist als Klassenkonflikt zu begreifen, in dem die Arbeitgeber bewusst die Belegschaft in prekärer Beschäftigung ohne jegliche Chance zur Mitbestimmung halten, um so eine größtmögliche Machtposition zu behalten. Aber auch beim Umgang miteinander geht es um Klasse. Bei der Trennung von uns Mitarbeiter*innen fehlte diese völlig, als sie uns, erst kurz vor Weihnachten mitteilten, dass es keine Vertragsverlängerung im neuen Jahr gäbe.

Nicht eine*r der 10 Mitarbeiter*innen, darunter langjährige Angestellte, die zum Jahresende den LSVD verließen, bekam ein Dankeschön oder irgendeine Form der Anerkennung für die geleistete Arbeit.

 

Wir wünschen der Klientel der BLSB-Sozialprojekte, dass unser ehemaliger Arbeitgeber in naher Zukunft zur Vernunft kommt und damit beginnt, selbstkritisch im eigenen Interesse die Rolle und Anliegen seiner Belegschaft zu verstehen. Kein Verband, der Emanzipation und Veränderung predigt, kann überleben und gute Arbeit leisten, solange er nach innen Repression und Konservatismus praktiziert - solange er nach oben buckelt und nach unten tritt.

 

Mit kämpferischen Grüßen

Die FAU-Betriebsgruppe des BLSB

Die kämpferische Gewerkschaft

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