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Trotzkis Heilsarmistin

Veröffentlicht am 16.11.2006 Kategorie:
Vor 70 Jahren kämpfte Simone Weil im Spanischen Bürgerkrieg.
Ein Vortrag bei der FAU-Berlin
von Thomas Wagner
Auf einem 70 Jahre alten Jugendfoto posiert Simone Weil im blauen Kittel der anarchosyndikalistischen Milizionäre im Spanischen Bürgerkrieg. Dabei hatte zunächst nichts darauf hingedeutet, daß die behütete Tochter eines großbürgerlichen jüdischen Elternhauses einmal die Partei der einfachen Menschen ergreifen würde und unter Einsatz ihres Lebens als unerschrockenes Mitglied der Internationalen Gruppe der Kolonne Durruti gegen den Faschismus und für die soziale Revolution in Spanien kämpfen würde. Ebensowenig leuchtet zunächst ein, wie aus der 1909 geborenen, im Elternhaus areligiös erzogenen Sozialrevolutionärin alsbald jene christliche Mystikerin werden konnte, die dem katholischen Glauben mehr verbunden zu sein schien als den Schriften von Marx oder Bakunin.

Der in Marseille lebende Camus-Biograph Lou Marin hat am vergangenen Sonntag während seines leider schlecht besuchten Vortrags im Ladenlokal der Berliner Anarchosyndikalisten (FAU) in der Straßburger Str. 38 versucht, ein wenig Licht in die Wandlungen und Kontinuitäten der erst nach ihrem frühen Tod durch die postume Publikation ihrer Schriften weltbekannt gewordenen Autorin zu bringen. Marin ist einer der Übersetzer einer bereits 1998 von Charles Jacquier auf französisch herausgegebenen Anthologie, die sich mit Weils anarchistischem Wirken befaßt. Dasselbe bildete dann auch den rotschwarzen Faden in Marins Vortrag. Lebendig erzählte er von Weils bis zur Selbstaufgabe praktizierten praktischen Solidarität mit dem Proletariat, ihrem komplizierten Verhältnis zur Gewaltfrage und zum Pazifismus und schließlich von ihrer scharfen, aber solidarischen Kritik am autoritären Sozialismus der zeitgenössischen Sozialdemokraten und Parteikommunisten.
In ihrer privaten Korrespondenz übte die vom Fronterlebnis erschütterte Weil eine tiefgründige ethische Kritik an der auch von ihren anarchistischen Genossen im Feld an Priestern, faschistischen Mitläufern oder auch nur verdächtigen Jugendlichen verübten Gewalttaten. Zur gleichen Zeit aber solidarisierte sie sich öffentlich mit dem Kampf der Milizen und sammelte Waffen.
Nach einer klassengemäßen Eliteausbildung an der École Normale Supérieure Philosophie war die junge Frau zunächst Lehrerin geworden, schloß sich aber bald dem anarchistischen Zweig der französischen Arbeiterbewegung an und arbeitete trotz lebenslang schwacher Gesundheit aus Solidarität Anfang der 1930er mehrere Jahre in Fabriken. Nach ihrer nur zweimonatigen Spanien-Episode, sie hatte sich bei der Küchenarbeit schwer verbrannt, kehrte Weil nach Frankreich zurück, floh vor der deutschen Besatzung nach Marseille, schloß sich der Resistance an, begleitete 1942 ihre Eltern ins Exilland USA und ging selbst schließlich nach England. Obwohl sie mittlerweile den christlichen Glauben für sich entdeckt hatte und eine Politik der Gewaltfreiheit vertrat, wollte sie als Mitglied des Befreiungskomitees Charles de Gaulles den Widerstandskampf in Frankreich wieder aufnehmen und machte dazu eine Reihe von taktischen Vorschlägen. Zum Beispiel wollte sie hinter der Front Sabotageaktionen durchführen. Ihre selbst verordnete Hungeraskese führte 1943 dazu, daß sie an Tuberkulose und Herzversagen verstarb. Von ihren Nahrungsmittelmarken hatte sie nur so viele behalten, wie auch die Menschen im besetzten Frankreich bekamen und verschenkte die anderen an Hilfs- und Solidaritätsorganisationen.
Weils ambivalentes Verhältnis zum Parteikommunismus, auch zum dissidenten, wird in einer Anekdote deutlich, die Marin vortrug. Als Leo Trotzki im Elternhaus der Weil Zuflucht fand und dort 1933 die IV. Internationale gründete, habe Weil ihm seinen Umgang mit den Kronstädter Meuterern vorgeworfen. Im Verlauf des hitzigen Wortgefechts habe Trotzki schließlich gefragt: »Wenn Sie so denken, warum nehmen Sie uns auf? Sind Sie die Heilsarmee?«
Charles Jacquier (Hg.): Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus. Verlag Graswurzelrevolution, Münster 2006, 380 Seiten, 24,80 Euro

Quelle: Junge Welt


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