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1. Corona-Mai: Vereint gegen Vereinzelung!

Veröffentlicht am 01.05.2020 Kategorien: , , , , , ,
Wie so Vieles ist auch der 1.Mai in diesem Jahr ein anderer: Während Arbeitsrealitäten Kopf stehen, können wir unsere Füße nur vereinzelt und mit Abstand vor die Tür setzen. Doch physische Distanz muss noch lange nicht das Ende des Zusammenhalts bedeuten.

Wohl kaum jemand hätte sich vor zwei Monaten träumen lassen, dass Debatten über kontaminierte Plastiktüten bei der Essensbestellung oder die Gesundheitsrisiken eines Friseurbesuchs einmal solche Aufmerksamkeit erregen würden, wie es gerade der Fall ist. Doch die Zeiten haben sich, wie wir alle wissen, geändert. Während sich der Klimawandel gerade durch besonders warmes und sonniges Wetter bemerkbar macht, versuchen wir, uns an das Tragen von Atemschutzmasken zu gewöhnen oder verabreden uns zum virtuellen Kneipenabend auf Mumble, Jitsi oder BigBlueButton – und während Arbeitsrealitäten zuhauf auf den Kopf gestellt werden, fällt der 1.Mai aus – zumindest so, wie wir ihn kennen.

Unser Gewerkschaftslokal in der Grüntaler Straße liegt ebenso verlassen da wie alles andere, was in den letzten Wochen nicht Supermarkt, Apotheke oder Drogerie gewesen ist. Wenn das jedoch bedeuten würde, dass wir uns nicht nur physisch, sondern auch sonst vom Tagesgeschehen distanzieren dann, ja dann hätten wir ein großes Problem.

Denn nicht nur das Virus verbreitet sich rasend schnell, auch Verletzungen der Arbeitsrechte finden gerade in besonderem Ausmaß statt. Betroffen sind vor allem prekäre Arbeiter*innen, zum Beispiel in der Gastronomie, in der freiberuflichen Bildung, in der Lieferbranche oder in Pflegebetrieben. Unrechtmäßige Entlassungen und Lohnprellerei auf der einen, mangelhafte Arbeitssicherheit und Workload-Explosionen auf der anderen Seite – Ausbeutungsdynamiken werden zurzeit besonders sichtbar; der Staat zeigt seinen Klassencharakter: Er bietet Wirtschaftshilfe für private Unternehmen zu günstigen Konditionen an, statt Menschen direkt und bedingungslos zu unterstützen. Es gab bereits genug Reflexionen über Sinn und vor allem Unsinn von Klatsch-Ritualen zugunsten der systematisch relevant unterbezahlten Pflegekräfte.

Schon zu Beginn des Shutdowns wurde es kafkaesk: In der Bibliothek der Humboldt-Universität, dem Grimm-Zentrum, mussten Beschäftigte auch dann noch zur Arbeit erscheinen, als systemrelevant nach “Corona” bereits das meistgenutzte Wort unseres neuen Alltags war. Es gäbe nichts zu tun? Moment: Wer sonst Bücher zurücksortiert, kann doch jetzt nach kaputten Stühlen suchen – und dafür auf den Wegen von und zur Arbeit die Gesundheit von sich und anderen gefährden. Dieser Spuk fand zum Glück ein schnelles Ende und es kann von Glück gesagt werden, dass sich beim Stühlerücken niemand infiziert zu haben scheint.

Wir alle genießen zudem derzeit mehr als je zuvor den Luxus, beinahe alles, was wir nun nicht mehr selbst in Läden und Restaurants erjagen können, vor unsere Wohnungstür zu bestellen – das funktioniert natürlich nicht ohne Leute, die diese Lieferungen auch zustellen. Dass Arbeitsbedingungen in der Branche nicht immer rosig sind, ist schon lange kein Geheimis mehr. Die Corona-Krise setzt nun noch eins drauf. Beispiel Essenslieferung: Wer als sogenannter Rider per Fahrrad Mahlzeiten von A nach B bringt, hatte es im berliner Straßenverkehr ohnehin nie leicht. Jetzt gibt es den Verkehr und SARS-CoV 2. Die Pandemie treibt Risiken auf ein neues Level – von den Löhnen kann man das in der Regel nicht behaupten. Und gerade in der Gig-Economy haben die Rider wenig Möglichkeiten, sich über genau solche Dinge auszutauschen. Obwohl es auf den Straßen so viele von ihnen gibt, kennen sie sich nicht unbedingt persönlich.

M. und A. bilden hier eine Ausnahme. Sie beide sind Rider, kennen sich - und tauschen sich aus. „Wir haben keine Fabrik oder Büros, wo wir uns in den Pausen oder nach Feierabend über den Weg laufen.“ Gerade in Anbetracht des gestiegenen Arbeitsrisikos sei ein Austausch aber besonders wichtig, die Hygienesituation bedenklich. Auf die Toilette gingen sie bei den Restaurants, bei denen sie die Bestellungen abholen. „Jetzt haben die Restaurants geschlossen und wir müssen hoffen, dass sie uns im reinlassen. Eigentlich sind sie dazu verpflichtet, man kann Lokale auch melden, wenn sie das verweigern, doch das ändert in der Regel nichts. Sie werden dann an etwas erinnert, was sie sowieso schon wissen. Ihre Zusammenarbeit mit dem Lieferunternehmen wird dadurch nicht beeinträchtigt.“ Streckenweise sollen wohl Gutscheine für Desinfektionsmittel bereitgestellt werden. „Aber diese Tatsache kann das Problem, dass es keine guten Arbeitsbedingungen für uns gibt, auch nicht lösen.“

Das öffentliche Leben entlang der Fahrradstrecken ist geprägt von Einschränkungen, um deren Lockerung derzeit heftig debattiert wird. So oder so ist jedoch klar, dass bestimmte Restriktionen noch lange bestehen bleiben werden - und nicht nur das: Aus dem aktuellen pandemischen Schwebezustand können permanente grundlegende Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitsrealitäten hervorgehen.

Die Auswirkungen der Pandemie sind hierbei keine einfache statistische Tatsache, sondern sozialer Natur: Chancen und Risiken sind in dieser Gesellschaft strukturell ungleich verteilt – das gilt auch im Bezug auf Krankheiten. Die Qualität der unterfinanzierten öffentlichen Gesundheitsinfrastruktur bestimmt die Sterblichkeitsraten mit.

Menschen in prekären Lebens- und Arbeitssituationen, Pflegekräfte in prekären Sektoren und vor allem Menschen ohne formalen Zugang zu Gesundheitsdiensten sind tendenziell stärker von der Pandemie und ihren weitreichenden Folgen betroffen.

Manche Personengruppen verschwinden derweil sogar fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein: Die Migrant*innen an der türkisch-griechischen Grenze kämpfen hinter der aktuellen Corona-Berichterstattung einen viel zu einsamen Kampf.

Gewerkschaftliche Aktivität hat in Anbetracht der aktuellen Lage einen besonderen Stellenwert. Kommende Arbeitskonflikte und -kämpfe können den gesellschaftlichen Diskurs mitbestimmen – und gewerkschaftliche Arbeit geht über arbeitsrechtliche Beratung weit hinaus. Wir müssen den Klassencharakter des aktuellen Krisenmanagements hervorheben.

A. und M. versuchen derzeit, Kontakt zu ihren Kolleg*innen herzustellen, um sich zu Unterstützen und ins Gespräch über ihre Arbeitsbedingungen zu kommen. „Vereinzelung ist ein großes Problem, sie lässt uns glauben, dass wir alle für uns alleine arbeiten und kämpfen – doch das ist Quatsch. Wir müssen nur zueinander finden.“

In diesem Sinne: Verbreiten wir Solidarität, anstatt die Prekarität zu verstärken!

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